Hochwasser "Tagebuch"
14.08.2002 Die Elbe führt Hochwasser - im Sommer! - ein Ereignis für viele Dresdner. Das kleine Flüsschen Weisseritz, das in die Elbe mündet, wird durch starke Regenfälle im Erzgebirge zum reissenden Strom. Schreckensbilder aus dem Ort Glashütte.
15.08.2002 vormittags Die Besitzer elbnaher Grundstücke beginnen Sandsäcke zu füllen - so auch wir. Alle hoffen, das die Elbe nicht über 8 Meter steigt. Diese Höhe halten die meisten Gebäude unbeschadet aus.
15.08.2002 nachmittags Die Elbe erreicht einen Stand von 8 Metern. Meteorologen schätzen, dass sie noch bis 8,50 Meter steigen wird. Wir messen 8,60 Meter als kritische Höhe unseres Grundstücks - das würde reichen.
16.08.2002 vormittags Die Elbe überschreitet den Stand von 8,50 Meter. Das Wasser steht in unserem Garten. Wir beginnen, das Inventar aus den Zimmern im Erdgeschoss in die oberen Stockwerke zu räumen.
16.08.2002 nachmittags Der Pegel steigt stündlich um mehrere Zentimeter. Große Teile unseres Stadtteils Laubegast werden evakuiert. Wir bleiben und versuchen, so schnell wie möglich Möbel, Betten und Küchenutensilien in das obere Stockwerk zu schaffen. Jetzt fällt auch noch der Strom aus. Wir sind durch das Wasser eingeschlossen. Laubegast ist eine Insel und nur noch per Boot oder Schwimmfahrzeug zu erreichen.
16.08.2002 abends 9 Meter! Das Wasser steht jetzt auch in der Wohnung. Wir konnten die Schrankinhalte retten, aber für die Schränke, das Bad, die Küche, Schlafzimmer usw. ist es zu spät. Sie stehen unter Wasser. Wir haben ein Notstromaggregat und arbeiten die ganze Nacht bei flackerndem Licht, um so viel Hausrat wie möglich vor der Flut zu retten.
17.08.2002 früh Land unter! Der Elbpegel steht bei 9,40 Meter. Der höchste bisherige Stand aus dem Jahr 1845 lag bei 8,77 Meter. Das Erdgeschoss der Pension steht über einen Meter unter Wasser. Wir retten Fahrräder und herumschwimmende Sonnenstühle und versuchen, den Garten möglichst frei von Treibgut zu halten.
17.08.2002 nachmittags Erstmals fällt der Wasserstand! 2 Zentimeter pro Stunde. Wir können nichts mehr tun und beobachten die Boote, die auf den Straßen umherfahren. Es herrscht Ausnahmezustand. Polizeihubschrauber kreisen über dem Stadtteil und Sirenen heulen ständig. Wir versuchen eine erste Bilanz zu ziehen - unmöglich. Trotz der Absperrung des Stadtteils fahren Kamerateams mit Booten vorbei. Wir geben ein paar Interviews, aber die Fragen sind oft sinnlos: "Warum sind Sie noch so optimistisch?", "Haben Sie schon Plünderer gesehen?" - Niemand will sich ein genaues Bild machen.
18.08.2002 vormittags Die Elbe geht weiter zurück. Wir beginnen, die gröbsten Verschmutzungen von den Hauswänden zu bürsten. Öliger Schlamm quillt bei jedem Schritt zwischen den Füssen hervor. Unser Garten ist nicht mehr vorhanden. Überall nur Müll, Schlamm und Wasser. Helfer bringen vom Boot aus Lebensmittel.
18.08.2002 nachmittags Der Wasserstand sinkt jetzt stündlich um mehrere Zentimeter. Wir reissen die Fussbodenbeläge raus und die Tapeten ab, damit das Wasser nicht die Wände hochkriecht. Überall Schlamm. Wir haben die Garage vergessen. Alle Werkzeuge, Bohrmaschinen, Trennschleifer usw. sind hinüber. Der Boden im Garten ist so weich, das wir mehrfach einbrechen und bis zum Bauch im Schlamm stecken. Wir gehen ins Haus zurück und betrachten die Möbel. Die Schranktüren aus Holz sehen noch gut aus, aber alle Unterschränke, Seitenteile, die komplette Küche, das Sofa und unser Bett sind aufgequollen und nicht mehr zu gebrauchen.
19.08.2002 vormittags Das Wasser steht nur noch in Pfützen im Garten. Das Ausmass des Schadens wird sichtbar. Der Putz fällt von den Wänden, die Fussböden haben sich gehoben und sind wellig, Fliesen sind hohl und überall ist Dreck.
19.08.2002 nachmittags Ein paar Freunde und unsere Kinder haben sich auf Schleichwegen zu uns vorgearbeitet. Sie können sich nicht vorstellen, was hier passiert ist. Fassungslosigkeit. Trotzdem packen alle mit an und räumen den stinkenden Müll und den Schlamm weg. Wir sind physisch und psychisch völlig am Ende. Lohnt es sich, nochmal von vorn anzufangen?
20.08.2002 Wir packen an. Alles, was nass ist, muss raus. Gipskartonwände, Panele, Fussböden, Fliesen - hoffentlich schimmeln die Wände nicht. Wir bekommen über Bekannte zwei Mauertrocknungsgeräte. Als erstes ist die Pension dran. Die beiden Zimmer im Erdgeschoss werden mit Notstrom beheizt.
21.08.2002 Wir fühlen uns wie auf einer Baustelle. Auf dem Gehweg liegt Sperrmüll: Holz, Dämmstoff, Müll, ... Unsere Helfer rackern unermüdlich. Die Fussböden müssen über 20 Zentimeter abgetragen werden. Der Schlamm beginnt zu stinken. Zum Glück holt die Stadtreinigung verseuchten Schlamm unbürokratisch ab und stellt Container zur Verfügung.
22.08.2002 Wenn die Fussböden schon raus müssen, können wir auch gleich neue Elektro-Kabel legen. Die alten sind zum Teil korrodiert. In der Pensionsküche wird ein provisorischer Kochplatz mit Spüle eingerichtet. Hoffentlich haben wir bald wieder Strom. Was würden wir für eine warme Dusche geben!
23.08.2002 Die Kabel müssen auch durch den Garten gelegt werden. Also Spaten holen und den noch morastigen Boden aufgraben. Der Rasen wird es verkraften. Vielleicht wirkt der Schlamm fruchtbar - wie am Nil. Am Nachmittag kommt ein Elektriker vorbei - wir haben wieder Strom! Jetzt kann es richtig losgehen. Sofort bringen Freunde Bohrhämmer vorbei. Wir schaffen es bis zum Abend, die Fussböden in der Wohnung für den Unterbeton vorzubereiten. Die Mauertrocknungsgeräte haben gute Dienste geleistet.
24.08.2002 Wir konnten kurzfristig Beton organisieren. Zum Samstag! Alles klappt total unbürokratisch. Am Montag haben wir Fussbodenleger und Estrich bestellt. Also fällt der Sonntag aus - schliesslich kosten diese Leute Geld und so muss alles perfekt sein, wenn sie kommen.
25.08.2002 Die Fussböden in der Pension sind präpariert. Folie und Styroporplatten haben wir selbst verlegt. Auch die Kabel für Fernsehen, Strom und die Heizungsrohre verschwinden mit im Boden. Zur Feier des Tages bringen Freunde Kaffee und Kuchen vorbei. Wir sitzen zum ersten mal seit zwei Wochen wieder im Garten und trinken gemütlich Kaffee.
26.08.2002 Der bestellte Estrich kommt zwei Stunden zu spät. In Dresden sind nur zwei von fünf Brücken für den Verkehr geöffnet. Gemeinsam mit den Handwerkern holen wir den Rückstand wieder auf. Am Abend sind die Fussböden in der Pension wieder glatt. Nebenbei hacken wir nun auch den Putz von den Außenwänden des Hauses. Er bröckelte schon langsam ab. Das Mauerwerk darunter ist ziemlich feucht. Hoffentlich müssen wir nicht das gesamte Haus neu verputzen lassen.
27.08.2002 Die Fussböden sind glattgerieben und trocknen. Im Keller haben wir alle Regale abgebaut und mit dem Hochdruckreiniger gesäubert. Es stinkt es immer noch - also alles nochmals abspritzen. Morgen können wir beim Regierungspräsidium einen Antrag auf einen verbilligten Kredit stellen. Mal sehen, was draus wird.
28.08.2002 Wahnsinn, die Antragstellung wurde in den Hof des Rathauses verlegt - trotzdem ein riesen Ansturm. Besser morgen nochmal versuchen. Wir haben die ersten privaten Direktspenden erhalten. Nicht viel - aber immerhin. Wir sind dankbar für die Anteilnahme und Freigiebigkeit einiger Menschen.
29.08.2002 Wir haben einen Tip bekommen - eine Waschmaschine steht günstig zum Verkauf. Es ist ein Vorführgerät von AEG. Die geben für Flutopfer auch noch 10% Rabatt. Sie wird sofort angeschlossen und ausprobiert. Endlich wieder selber waschen. Die Schwiegertocher wird sich freuen, sie hatte einige Wäscheberge zu bewältigen.
Der Antrag auf Soforthilfe für Unternehmen ist gestellt. Im Bundestag werfen sich Wirtschaftsminister Müller und der sächsische Ministerpräsident Milbradt gegenseitig Verschleppung der Zahlungen vor. Toll! Wahlkampf auf den Rücken der Opfer.
31.08.2002 Sonntag. Wieder sind viele Freunde da, um zu helfen. In den beiden am schlimmsten betroffenen Pensionsräumen werden die Wände gedämmt und neu verkleidet. Gestern hat die Müllabfuhr Sperrmüll geholt. Jetzt ist nur noch Bauschutt da. Den muss man selbst abtransportieren.
01.09.2002 Heute hat ein Architekt ein Gutachten für die beiden Gebäude erstellt. Dieses Gutachten wird an die Sächsische Aufbaubank geschickt, die mittlerweile alle Aktivitäten für mögliche Zahlungen koordiniert. Wahrscheinlich gibt es nochmal Geld über die Ortsämter. 250 Euro pro Person als zweiten Teil der Soforthilfe. Wir werden davon wohl einen neuen Geschirrspüler kaufen.
05.09.2002 Die Arbeiten an den Fußböden sind nun auch im Wohnhaus abgeschlossen. Die letzte Estrich-Schicht ist drauf. In ein paar Tagen können wir hoffentlich wieder ein Bett aufbauen. Endlich nicht mehr zwischen Aktenordern, Textilien und Hausrat schlafen!
Hochwasser Impressionen
 

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